Kazunori Yamauchi hat erklärt, warum ausgerechnet Reifen für Gran Turismo 7 weiter die größte Baustelle bleiben. Der Kopf hinter der Rennserie sieht andere Teile der Fahrphysik offenbar deutlich besser im Griff. Beim Fahrwerk oder beim Antriebsstrang könne sein Team sehr nah an die Realität herankommen. Bei Reifen ist das schwieriger, weil dort viele Dinge gleichzeitig passieren und nicht alle Daten einfach offenliegen.
Das ist wichtig, weil Gran Turismo 7 nicht nur neue Autos sammelt, sondern weiter am eigenen Anspruch arbeitet, ein möglichst echter Fahrsimulator zu sein. Gerade deshalb ist spannend, dass nicht der Motor oder die Grafik als härteste Aufgabe genannt werden, sondern ein Bereich, den man beim Fahren ständig spürt: die kleine Fläche, mit der ein Reifen die Strecke berührt.
Warum Reifen so schwer zu treffen sind
Yamauchi beschreibt vor allem die Kontaktfläche zwischen Reifen und Asphalt als Problem. Sie bleibt nicht einfach gleich. Hitze, Verschleiß und der Zustand der Strecke verändern, wie viel Grip vorhanden ist und wie sich ein Auto beim Bremsen, Einlenken oder Beschleunigen anfühlt.
Dazu kommt, dass Reifenhersteller ihre genauen Daten nicht gerne weitergeben. Polyphony Digital muss also mit begrenzten Informationen arbeiten und daraus ein Modell bauen, das sich im Spiel glaubwürdig verhält. Yamauchi nennt dabei auch Graining, also eine Art Reifenabbau unter bestimmten Streckenbedingungen, als etwas, das noch nicht so vorhanden ist, wie er es offenbar gerne hätte.
Für Spieler heißt das: Wenn sich Gran Turismo 7 nach einem Update anders anfühlt, liegt das nicht nur an kleinen Zahlen im Hintergrund. Reifen bestimmen sehr direkt, ob ein Auto stabil bleibt, früh rutscht oder beim Herausbeschleunigen plötzlich nervös wird.
Update 1.71 zeigt, dass das Thema nicht abgeschlossen ist
Mit Update 1.71 wurde der Reifen-Algorithmus erneut überarbeitet. Genannt wurden Anpassungen beim Schlupfverhalten, beim Rollwiderstand, bei der Aufheizung, beim Verschleiß und beim Grip-Verlust.
Das klingt erst einmal sehr technisch. Eigentlich zeigt es aber nur, wie viele kleine Bausteine zusammenpassen müssen. Wenn ein Reifen schneller warm wird, kann das den Grip verändern. Wenn der Rollwiderstand anders berechnet wird, kann sich auch das Verhalten auf langen Geraden oder beim Ausrollen ändern. Und wenn Verschleiß und Grip-Verlust neu abgestimmt werden, betrifft das besonders Rennen, in denen Reifen über mehrere Runden arbeiten müssen.
Reifen bleiben also keine fertige Checkbox. Selbst wenn ein Update etwas verbessert, kann die Simulation danach an anderer Stelle wieder neu abgestimmt werden müssen.
Moderne Autos machen es noch komplizierter
Yamauchi weist auch darauf hin, dass heutige Fahrzeuge zusätzliche Schwierigkeiten bringen. Elektronische Steuerungen für Antrieb und Differenzial unterscheiden sich stark je nach Modell und Hersteller. Als Beispiel nennt er den Polestar 5, der sich auf Eis deutlich anders verhalten soll als ein Porsche Taycan.
Das passt zu einer größeren Entwicklung in Gran Turismo 7: Ein Auto besteht nicht nur aus einem schönen Modell und ein paar Leistungswerten. Es braucht eine eigene Fahrphysik. Laut Yamauchi dauert ein einzelnes Fahrzeug inzwischen rund acht Monate, wenn Grafikmodell und Fahrverhalten zusammengezählt werden. Beim ersten Gran Turismo habe ein Wagen ungefähr zwei Stunden gebraucht.
Am Ende fährt Yamauchi ein Auto selbst Probe, bevor es ins Spiel kommt. Das sagt viel über den Aufwand, aber auch über den Anspruch. Gran Turismo 7 wird dadurch nicht automatisch perfekt. Aber es erklärt, warum neue Fahrzeuge und Physik-Updates so viel Zeit fressen.
Der Anspruch bleibt hoch
Die Reihe hat im vergangenen Jahr die Marke von 100 Millionen verkauften Einheiten überschritten. Ende 2027 wird Gran Turismo außerdem 30 Jahre alt. Trotzdem klingt Yamauchis Blick auf die Simulation nicht so, als wäre das große Ziel schon erreicht.
Interessant ist auch seine Aussage zu Sony Interactive Entertainment. Bis ungefähr Gran Turismo 5 habe es Druck gegeben, schneller oder günstiger zu arbeiten. Heute sei das nicht mehr so stark der Fall. Für Gran Turismo 7 ist das eine wichtige Nachricht, weil solche Simulationen offensichtlich nicht nur von neuen Inhalten leben, sondern von sehr langsamer Detailarbeit.
Die Reifen sind dafür das beste Beispiel. Sie sind klein im Bild, aber riesig für das Fahrgefühl. Und nach Yamauchis Aussagen ist genau dort noch immer einer der Bereiche, in denen Gran Turismo 7 weiter lernen muss.