Mortal Shell 2 hat eine klare Idee davon, wie ein Soulslike sich anfühlen soll: schnell, hart und ohne viel Sicherheitsnetz. Der zweite Teil löst sich bei den Kämpfen bewusst von der üblichen Ausdauerleiste. Angriffe, Ausweichrollen und Blocks sind nicht an Kondition gebunden. Das bringt Tempo in jeden Zweikampf und macht die Fortsetzung deutlich offensiver als ihren Vorgänger.
Gerade deshalb fallen die Reibungen so stark auf. Wenn ein Boss sehr schnell fast die gesamte Lebensleiste nimmt, ein Checkpoint weit entfernt liegt oder eine Fähigkeit wegen eines Fehlers ausfällt, wird aus der gewollten Härte schnell unnötiger Ärger. Mortal Shell 2 hat viele starke Systeme. Im geprüften Zustand stehen sie aber einer Technik gegenüber, die diese Stärken immer wieder ausbremst.
Der Kampf erlaubt Fehler, verlangt aber Timing
Ohne Ausdauerleiste kann der Vorbote dauerhaft Druck machen. Das heißt nicht, dass Kämpfe gedankenlos werden. Die Gegner bleiben gefährlich, und wer blind angreift, wird dafür bestraft. Doch Ausweichen, Blocken und Angreifen lassen sich viel freier verbinden. Das passt zu einem Spiel, das seine Kämpfe klar vor seine Rollenspielwerte stellt.
Besonders wichtig ist die Bruchleiste der Gegner. Perfekte Paraden und Treffer mit einer Spezialfähigkeit füllen sie. Ist sie voll, öffnet sich eine Gelegenheit für einen Finisher, der viel Schaden verursacht. So entsteht ein guter Grund, Risiken einzugehen, statt nur vorsichtig um Gegner herumzulaufen.
Auch die Waffen geben den Treffern Gewicht. Schwerter, Äxte, Schrotflinte und Armbrust wirken wuchtig. Fernkampfwaffen teilen sich ihre Spezialenergie mit den Talenten der Hüllen. Wer sie nutzt, muss also entscheiden, ob der nächste starke Angriff aus der Waffe oder aus der eigenen Fähigkeit kommen soll. Diese kleine Einschränkung verhindert, dass Fernkampf einfach eine bequeme Lösung für jede Situation wird.
Acht Hüllen statt einer fertigen Allzweckfigur
Der Vorbote übernimmt die Körper gefallener Krieger. Acht dieser Hüllen liegen über die Welt verteilt und bringen je einen festen Spielstil mit. Eine kann kurz unsichtbar werden. Eine andere arbeitet mit einem Greifhaken und zieht Gegner heran oder sich selbst zu ihnen. Ein Dieb bleibt dabei auf seine Rolle festgelegt, ein Ritter ebenso.
Das ist ein sinnvoller Gegenentwurf zu einem völlig freien Punktesystem. Die Hüllen lassen sich verbessern, ihre Talente werden stärker, und eine ausgebaute Bindung erzählt mehr über ihre Vergangenheit. Die Hauptfigur selbst verbessert sich mit Seelen von besiegten Gegnern. Für weitere Anpassungen gibt es Tarsteine mit Verstärkungen und Siegel als Ausrüstung.
Dadurch lassen sich verschiedene Richtungen ausprobieren, etwa auf Gift oder auf das schnelle Brechen gegnerischer Gegenwehr. Gleichzeitig nimmt das Spiel dem System etwas von seiner Beliebigkeit. Nicht jede Hülle kann alles. Wenn du gern einen klaren Charakter wechselst, statt jede Figur gleich zu bauen, dürfte das besser passen als ein offenes Baukastensystem.
Die bekannte Verhärten-Fähigkeit aus dem ersten Mortal Shell ist ebenfalls nicht mehr automatisch verfügbar. Sie muss erst gefunden und als Siegel ausgerüstet werden. Das macht sie zu einer Entscheidung innerhalb der Ausrüstung und nicht zu einem Werkzeug, das von Anfang an jede Lage prägt.
Die offene Welt belohnt Umwege
Mortal Shell 2 erzählt seine neue Geschichte unabhängig vom Vorgänger. Als Vorbote zieht die Figur durch ein verwüstetes Land und sucht Eier, die einst den Undermether gehörten. Um sie zu erreichen, müssen ihre Wächter fallen. Vieles über diese Welt bleibt absichtlich undeutlich und steckt in Orten sowie gefundenen Notizen.
Die Welt ist größer als im ersten Teil und überwiegend frei begehbar. Einige Bereiche öffnen sich erst im Verlauf. Abseits der Hauptwege warten versteckte Orte, kleine Dungeons, Ressourcen für Waffenverbesserungen und Ausrüstung. Es gibt auch Ereignisse in der Welt, die den düsteren Schauplätzen mehr Leben geben sollen.
Das Erkunden hat damit einen echten Zweck. Hüllen, Waffen, Siegel und Tarsteine liegen nicht einfach auf dem üblichen Weg. Wer nur von Ziel zu Ziel läuft, verzichtet auf Möglichkeiten, die eigene Figur besser auf schwierige Kämpfe auszurichten.
Die Kulisse hilft dieser Suche. Kreaturen wirken grotesk, die Gebiete unterscheiden sich meist deutlich, und Musik sowie Sounddesign tragen die bedrückende Stimmung. Weniger überzeugend sind die optionalen Dungeons. Sie ähneln sich optisch zu sehr. Weil davon viele über die offene Welt verteilt sind, nutzt sich ihr Anblick mit der Zeit ab.
Gute Bosse zeigen, was möglich wäre
Die stärksten Bosskämpfe machen aus den Mechaniken mehr als eine Sammlung guter Ideen. Einige wichtige Gegner haben auffällige Entwürfe und unangenehme, teils überraschende Angriffsmuster. Ein Kampf gegen einen Hirten etwa nutzt eine Schafsherde, die durch dessen Flöte zu dämonischen Gegnern wird. Kurzzeitig verwandelt der Boss sogar die Spielfigur in ein Schaf.
Solche Begegnungen geben dem Spiel eigene Bilder und fordern, das Timing im Kampf wirklich zu lernen. Nicht alle optionalen Bosse halten dieses Niveau. Einige fallen dagegen weniger einprägsam aus.
Schwieriger wiegt das Balancing bei einzelnen Gegnern. Selbst eine weit entwickelte Figur kann in manchen Bossduellen beinahe mit einem Treffer scheitern. Nach dem Tod einer Hülle ist der Kampf nicht sofort vorbei: Der Vorbote kann weiterkämpfen und sie nach genug vergossenem Blut zurückholen. Das nimmt Niederlagen etwas Schärfe. Es löst aber nicht das Problem, wenn der Schaden einzelner Angriffe kaum Raum zum Reagieren lässt.
Technik macht die Herausforderung unfairer
Ein harter Boss darf zum Lernen zwingen. Lange Wege zurück zum Kampf müssen aber einen guten Grund haben. In Mortal Shell 2 liegen Checkpoints teilweise weit auseinander. Nach dem Scheitern entstehen dadurch lange Rückwege, die wenig über das eigentliche Duell aussagen.
Noch ärgerlicher sind technische Probleme. In der geprüften PC-Version traten Soundfehler und Grafikprobleme auf. Ein Musikstück lief nach einer Zwischensequenz weiter. Ein schwerer Fehler konnte nach einem Finisher dazu führen, dass die Spielfigur die Waffe eines Gegners hielt und ihre Spezialfähigkeit nicht mehr einsetzen konnte. Das greift direkt in den Kampf ein, genau dort also, wo Mortal Shell 2 am meisten überzeugen möchte.
Für einen Story-Durchlauf werden je nach Können und Erkundung etwa 20 bis 30 Stunden angesetzt. In dieser Zeit bietet Mortal Shell 2 ein schnelles, variables Kampfsystem und eine Welt, in der Umwege nützlich sind. Wer eine fordernde Dark-Fantasy-Reise sucht und mit kryptischem Erzählen etwas anfangen kann, findet hier viel Substanz. Die technische Seite und einige unnötig harte Hürden verhindern aber, dass die Fortsetzung ihre besten Ideen durchgehend ausspielt.